Der erste Zwischenstoß

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Gewalt und Medien standen schon immer in einem sehr undurchsichtigen und nebulösen Verhältnis

Vermutlich würde sich ohne die alltäglich-gezeigte Gewalt der_die Mitteleuropäer_in kaum so warm in seinem_ihrem ach so kalten Nest fühlen können. Die Kriegsberichterstattung beweist geradezu perfekt, dass eine übersexualisierte Gesellschaft regelmäßig neue und hybride Reize braucht, um das Gefühl von Unabhängigkeit zu spüren. Die wilden 60iger sind vorbei, und, man glaube es kaum, auch in nicht westlichen Straßen tragen manche Menschen tatsächlich kurze Jeans-Röcke und offene Haare, während sie an einer Dose Coca-Cola nippen.

Man fühlt sich im eigenen Breitengrad auf einmal so merkwürdig sicher, wenn man um 20 Uhr die Nachrichten einschaltet, weil „hier nicht so etwas wie da drüben passieren kann. Die sind ja gar nicht so weit wie wir!“. Woher kommt diese Meinung, dass Mitteleuropa ein Dauerabo auf Fortschritt und Souveränität gebucht hat?  Die pseudo-paradoxe Trennung der verschiedenen Welten basiert auf der kurzlebigen Deutung von exotischer Revolution, Krieg und Frieden, während dabei ständig auf die Repeat-Taste gedrückt wird. Oder um es mit anderen Worten zu formulieren: Wer Auflagen verkaufen will, sollte neben Politiker- und Promi-Skandälchen auch immer Krieg auf dem Einkaufszettel stehen haben, um einen guten und betäubenden Cocktail voller knalliger Neuigkeiten servieren zu können.

Gleichzeitig lässt sich nicht abstreiten, dass der dünnflüssige Nachrichten-Strom einen exorbitanten Teil an Informationen über den Topos Gewalt verschluckt, austauschbar macht oder nicht für sensationswürdig erachtet. Und wenn schon; in zwei-drei Wochen, gibt es die nächste Katastrophe, andere Bösewichte und neue Opfer, darunter sicher auch ein paar Österreicher_innen.

Katharsis 2.0

Eine Runde Mitleid, eventuell ein Facebookpost, natürlich von einer ganz alternativen Seite, weit weg vom manipulierbaren und feigen „Qualitätsjournalismus“, oder eine Rundmail für eine Petition auf avaaz.org und fertig ist die Katharsis 2.0. Schuldig sind die anderen, die Putins, die Obamas oder wenn man ein zu Verschwörungstheorien geneigter Vollidiot ist, dann lenken selbstverständlich die jüdischen Banken hoch auf den Schweizer Bergen in gotisch anmutenden Schlössern, wahlweise auch in geheimen unterirdischen Bunkern à la Dr. Strangelove, die Zukunft des kleinen Mannes.

In diesem System, welches durch den Reizüberfluss den Infotainment-Konsumenten immunisiert, gibt es keine Konsequenzen für eine Gesellschaft und, was fast noch schlimmer ist, keine Reflexionsmöglichkeiten des Individuums. Die „Träne-im-Knopfloch-Mentalität“ schraubt weiter am ewigen „Hier und Jetzt“ der sogenannten Postmoderne und vertagt dabei einen Umbruch in eine ferne Zukunft ohne Verantwortung und schlechtem Gewissen. Wer sich als aufgeklärtes, aber dennoch emotionales Subjekt konstruieren möchte, dem_der stehen täglich neue Möglichkeiten zur Verfügung, um sich von der eigenen Mitschuld abzulenken. Es gibt den Moment, in dem das Subjekt sich kritisch einstuft, um sein_ihr Ego aufzupolieren, quasi in jedem Supermarkt verhältnismäßig billig zu kaufen. Und wem das zu teuer ist, der_die flüchtet sich gerne in den hippen Zynismus oder in reaktionäre „Gutmenschen“-Metaphorik.

Also, „Was tun?“…

…wie schon der Reenactment-Regisseur Milo Rau in seinem polemischen, aber sehr treffsicheren Essay fragte. Dauerdemonstration? Occupy? Fairtrade-Bananen und die nach Hause gelieferte Biokiste? #Akzeleration? Einfach mal intelligentes Theater machen? Oder, weil es gerade so in Mode ist, ein kritischer Blog, der alles sieht und dabei differenzierter ist als die Konkurrenz, ohne in Outrage Porn zu verfallen? Die Antwort liegt eventuell irgendwo dazwischen. Der Markt und Marx sind nur Pole in diesem angeblich so komplexen Koordinatensystem, in dem es kein Gut und kein Böse gibt, weil in der Nacht alle Katzen grau erscheinen.

Aber was hat das eigentlich mit Theater zu tun?

Die Proben für Carambolage aus der Feder von Anna Poloni, inszeniert von Anna Maria Krassnigg, uraufgeführt im Theater Nestroyhof Hamakom haben gerade begonnen. Es ist ein Stück über die Gesellschaft, welche die Verantwortung abgegeben hat und so tut als wüsste sie nichts davon. Dabei steht sie nicht selbst im Mittelpunkt des Geschehens, sondern außerhalb des Rahmens der Handlung.

Alle Figuren des Stücks leben abgeschottet von dieser Allgemeinheit – die einen darüber, die anderen darunter – und wirken so unantastbar, wie weit davon entfernt. Und dennoch bringen ihre Handlungen dieses System des Spektakels zum Beben und zum Staunen. Statt Milieu-Studie der Mächtigen, ist Carambolage ein abstraktes Gemälde von den Rändern der Gesellschaft. Das Stück offenbart die Abhängigkeiten von Berichterstattung und Gewalt, Privatsphäre sowie Öffentlichkeit und lässt die Charaktere auf ihren Spielfeldern aufeinanderprallen. Zwischen Hybris, Angst und Abhängigkeiten offenbaren sich die Konsequenzen des Handelns, einem modernen Königsdrama gleich. Genau hier kann die Reflexion des_der Rezipient_in beginnen und Früchte tragen.

Eine Dialektik der Probe als politischer Ort

Dieser Blog mit dem auf das Carambolage-Billard anspielenden Titel Zwischenstöße begleitet die Produktion von außen und von innen, soll Kontexte aufbrechen und einen Draht nach Außen herstellen. Eine Dialektik der Probe als politischer Ort, wenn man so will.

Irgendwie ist Zwischenstöße ja auch ein Experiment,  zwischen Transparenz und Betriebsgeheimnis angesiedelt, Kritik und Berichterstattung in einem und geschrieben von einem Menschen mit gefährlichem Halbwissen. Meine Wenigkeit ist weder stark praxiserprobt, noch hat sie alle Ecken der Theorie über Theater und Medien – trotz des diskutablen Theater-, Film- und Medienwissenschaftsstudiums – erforscht. Es ist ein persönlicher, tastender Blick, eine Handlung und Reflexion über Vorgänge der großen, weiten Welt und dem kleinen Theaterlabor Salon5. Ein Versuch diese undurchsichtigen Verhältnisse etwas zu durchleuchten, ein Konnex der (Sprach-)Gewalt und des Mediendiskurses.

So könnte man nachhacken: Gibt es eine Internetperformanz? Wieso spielen da auf einmal Social Media und Blogging eine Rolle? Und darf man eigentlich noch während einer Theateraufführung twittern? So manche Frage könnte hier nicht beantwortet werden.

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