Das Recht der Stärkeren

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Zuerst das Positive

Es war wohl die schönste Nachricht der Woche – zum ersten Mal hat eine Frau die Fields-Medaille, also die höchste Mathematik-Auszeichnung, verliehen bekommen, und das zweitschönste dabei ist, Maryam Mirzakhani kommt nicht aus Europa oder den USA, sondern aus dem Iran. Und es wird noch besser: Die 37-jährige ist das Gegenteil von allen Klischees, die man sich in diesem Zusammenhang vorstellen kann. Sie ist kein Nerd, kein graues Mäuschen, sondern sie wirkt vital und feminin mit ihren kurzen Haaren und ihrem offenem Gesicht und vor allem entspricht sie nicht dem westlichen Bild einer Frau aus dem „Orient“. Kein Schleier, keine Exotik, sondern schlichte Normalität, gepaart mit wissenschaftlicher Kompetenz. Offenbar passieren auf der Welt noch gute Dinge. Wobei die Präsenz dieser Neuigkeit in den deutschen und österreichischen Tageszeitungen verhältnismäßig gering aussah, da wäre durchaus noch Platz nach oben gewesen, aber eventuell überbewerte ich das ja auch total.

„So einfach, so richtig.“

In der ersten Probewoche setzte sich das Ensemble mit der Frauen-in-Chefetagen-Thematik auseinander, um sich der inneren Figurenkonstellation zu nähern. Erfolgreiche Frauen sind sehr oft unsichtbar, im Gegensatz zur antifeministischen Bewegung, welche leider nicht mehr nur von alten, lüsternen Herren wie Rainer Brüderle propagiert wird, sondern auch Zuspruch von jungen Frauen, die auf Grund ihres Status, ihres Umfelds oder ihres Unverständnisses einen ähnlichen Standpunkt einnehmen. Wer mal kurz das Kotzen bekommen möchte, dem empfehle ich einen Blick auf http://womenagainstfeminism.tumblr.com. Mein persönliches Highlight ist die Dame mit dem Schild „I am not a Feminist because there is no rape culture“. Die Idee hat wohl auch die Junge Alternative für Deutschland beflügelt und daher startete sie eine sehr ähnliche Aktion auf Facebook um weiter am rechten Rand zu fischen und gegen das „Gendermainstreaming“, das Wort muss man sich auch erst einmal auf der Zunge zergehen lassen, vorzugehen.

Auf #aufschrei folgte #ungefickt und wenn eine Frau eine „erfolgreiche“ Karriere haben möchte, dann soll sie halt keine Kinder bekommen oder sich nicht beschweren. „So einfach, so richtig“ schallt es aus dem Wald der rechten Liberalen.

Athene und Hera

Die Anzahl der Frauen in Führungspositionen hat sich nicht sonderlich verbessert, genauso wenig eine Angleichung der Bezahlung, wie eine Studie die letztes von der FAZ veröffentlicht wurde beweist. Dabei sehen Österreich und Deutschland sehr mittelalterlich aus und sogar das chauvinistische, homophobe und bunga-bunga Partys feiernde Italien liegt in der Hinsicht weit, weit voraus. Also wo ist die zentraleuropäische Fortschrittlichkeit auf einmal hin? Wo die angeblich erreichte Gleichberechtigung? Stattdessen wird das Recht der Stärkeren propagiert in einem radikal-freien Arbeitsmarkt, in dem das Wort „Quote“ als größte Beleidigung gilt. Und die Frauen, welche medial eine gewisse Öffentlichkeit genießen, schüren leider viel zu oft dieses Bild der toughen aber konservativen Powermama mit heimlichen 50 Shades of Grey-Fantasien, bestens auf den Punkt gebracht in Falk Richters Small Town Boy-Projekt am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, wie man an Birgit Kelle bestens studieren kann. Oder es gibt die „unattraktive“, männlich wirkende, eiskalte Dame, eine beliebige Etikette etwa für Sibylle Lewitscharoff oder Andrea Breth, welche inhaltlich eher bei der patriarchalistischen Athene, als bei der auf die Tradition der Familie pochenden Hera anzusiedeln wäre.

Der Typus Angela Merkel steht für klare Werte und Tradition, während durch Wortwahl Attitüde und Handlung verschleiert werden. Immerhin hat es die Zeit geschafft einen Artikel, der dieses ligistische Umschiffen der Verantwortung pointiert entlarvt, herauszubringen.

Ein sehr gutes Beispiel bietet da die Informationspolitik bezüglich der Irak-Problematik von der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Innerhalb weniger Tage wurde aus ausschließlicher „humanitärer Soforthilfe“ ein Nicht-Ausschließen von Waffenlieferungen an kurdische Truppen. Dabei möchte ich natürlich die Gefahr die von der ISIS ausgeht nicht herunterspielen, im Gegenteil. Ob, wann und in welcher Weise Waffenlieferungen richtig erscheinen, kann man von außen schwer beurteilen, aber das Wort „Völkermord“ liegt ja in der Luft, da darf Deutschland nicht fehlen, obwohl es unanfechtbar klar ist, dass die amerikanische Irakpolitik die Konfliktsituation gezüchtet hat um endlich wieder Hegemon spielen zu dürfen, und wehe die europäischen Freund_innen helfen da nicht mit.  So könnten man ja fast das Freihandelsabkommen oder die Abhörskandale vergessen. Aber das ist eigentlich nicht der Punkt, sondern die Art und Weise, wie gewisse Entscheidungen, die schon längst gefällt worden sind, der Öffentlichkeit beigebracht werden, aus Angst vor einer Empörung der Schafe.

Carambolage_Dreh_01 Kopie© Christoph Hochenbichler

 

Vestalin

In Carambolage fällt der Plural des Wortes „Vestalin“ und spielt so auf die zur Jungfräulichkeit verpflichteten Priesterinnen der römischen Antike, welche das Herdfeuer im Tempel der Vesta zu hüten hatten, im Bezug auf die Figur von Dornenstrauch an, einem Reptil, der Asexualität näher, als einer eindeutigen Geschlechterzuweisung. Moralisch-konservativ sieht sich auch Dornstrauch als guter Hirte, die Grenzen für sich braucht, aber nach außen hin nicht so handelt. Dornstrauch hat das Survival of the Fittest-Prinzip in sich aufgesogen, um sich diesem männlichen Krieg um Geld, Macht und Ansehen anpassen zu können. Die Frage der Moral ist die Krux der Selbstzerstörung und dennoch das einzige was die Figur zusammenhält. Die Bewahrung der Tugend ist wohl das richtige Attribut, aber eher in seinen ursprünglichen Bedeutungen: Selbstbeherrschung und Selbstveredelung. An diesem Zwang zerreißt sich Dornstrauch: der Schutz des Sohnes, obwohl man seine Handlungen nicht toleriert, das Festhalten der Macht des „Medienklaviers“ und das Verdrängen der Triebe spiegeln die momentane Unmöglichkeit einer femininen Vereinigung von Macht, Sexualität und Familie und offenbart das Abrutschen in patriachalistische Denkmuster. Man kann nur hoffen, dass es nicht dabei bleibt und Maryam Mirzakhanis Auszeichnung kein Opium, sondern ein Zeichen für Veränderung darstellt.

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