Die neue, weiche Existenz

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Dornstrauch: „Ich befriedige nur ein Bedürfnis, das es gibt.“
Don Gian: „Ich auch.“

Enrique: „Und ich ein Neues.“

Diese drei Sätze aus Carambolage haben mich seit dem ersten Lesen des Stückes immer wieder beschäftigt. Im Kontext der Handlung könnte man sie mit Gewissen, Rausch und Individualismus assoziieren. Oder man übersetzt sie mit Sigmund Freud: Dornstrauch als das Über-Ich, die Moral, Don Gian als das Es, der animalische Trieb und Enrique als Prototyp des postliberalen Ich. Es herrscht eine Art Selbstdiktat der weichen Existenz, wenn die Arbeit erledigt ist, kommt das Vergnügen, und wehe es sättigt mein Ego und meinen Wunsch auf Zerstreuung nicht auf allen Ebenen.

In dieser Dreiecksbeziehung steht auch die westliche Gesellschaft in ihren rechten, linken und individualistischen Prägungen und den inzwischen ausgiebig breitgetreten Attitüden wie Verantwortung, Recht und Anpassung durch Absetzung. „Und dem durch das eigenen Wohl bestimmte Ideal der Stadt, im Sinne von polis, setzt man die traurige Realität der modernen Demokratie entgegen, als Herrschaft der Massen und der Bedürfnisse“, schreibt Jacques Rancière in der ersten seiner 10 Thesen zur Politik. Die Empörung ist auch nur ein Bedürfnis, das regelmäßig befriedigt wird, im Wissen, dass Empörung immer eine kurzzeitige Erscheinung ist und dass die Aufmerksamkeitsspanne von Tag zu Tag schrumpft. Stéphane Hessels weichgekochtes und oberflächliches Pseudo-Pamphlet konnte sich auch aus diesem Grund so einer großen Beliebtheit erfreuen, weil es so wunderschön zahnlos ist, dass eine offenbar nicht zu kleine Masse diese Empörungskultur als sehr einfache Alternative zur wirklichen politischen/sozialen/demokratischen Handlung sah. Wer sich nur empört, aber die Wurzeln der Problematik nicht erkennt, zementiert das System indirekt, da er_sie dem Apparat die kritische Credibility der Veränderung gibt, im Glauben, dass man nur reagieren muss, anstatt aktiv zu handeln. Das Lesen des Beschleunigungsmanifestes von den bei weitem jüngeren und eventuell auch hungriegeren Autoren Nick Srnicek und Alex Williams ist sicherlich hilfreicher sowie moderner im Umgang mit politischer Handlung und linkem Diskurs.

In Carambolage gibt es eigentlich  keinen Vertreter einer linken Position, sondern nur den gutmütigen, aber empörten Brand, der glaubt, bloße Sichtbarmachung von Zuständen würde an der Realität etwas ändern können und ist dabei noch so blauäugig und denkt, er könnte in einem Medium, das durchaus an Die Welt aus dem Hause Axel-Springer erinnert, durch entsprechend gewagte Artikel in die Chefetage rutschen. Diese Misere ist in das Stück nicht ohne Grund eingeschrieben, denn sie spiegelt die Problematik der herrschenden Klasse, denn da ist keiner_e mehr am Drücker, der_die außer dem Aufsagen von „Genossen und Genossinnen“ noch links-demokratische, aber gleichzeitig realistische Politik betreibt. Die Sozialdemokratie lässt sich vom Markt immer weiter ausweiden und hat angefangen,  mit jeder Welle zu schwimmen, während die auf Konkurenz-gedrillten weichen Existenzen sich nach vorne kraulen, um „locker, easy“ an der Spitze zu surfen.

Bedürfnispyramiden

Wann ist ein Bedürfnis noch ein Bedürfnis und wann Luxus? Unser Leben soll erleichtert werden, koste es was es solle. Es geht doch nicht mehr um den naiven Endorphin-Ausstoß bei der Herstellung eines Produktes, sondern um sich zu leistende Bequemlichkeit und Cashflow. Aus dem Wunsch nach Auswahl wurde ein Verlangen, das nichts mehr mit Bedürfnis sondern nur noch mit Abhängigkeit zu tun hat. Enrique nutzt das für seine Zwecke, seine Hamlet-Situation ist nicht von Tatenangst bestimmt sondern er wartet nur auf die richtige Welle. Er hat das System durchschaut und füttert es weiter mit Paradoxien, verschiedenen Wahrheiten und Wünschen. Ich frage mich , ob eine Gesellschaft, die sich selbst immer weiter in diese Abhängigkeiten schraubt, überhaupt demokratisch sein kann bzw. ob sie das möchte.

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(Szene aus The Wolf of Wallstreet, R: Martin Scorsese, 2013)

Der Kluge und Smarte

Der Charakter von Enrique ist eine Mixtur von Jordan Belfert, besser bekannt als The Wolf of Wallstreet und Tyler Durden. Ein hochintelligenter Kopf mit einer unvorhersehbaren physischen Agilität, schmuddelschick verpackt in Collagejacke und Billionaire-Pants (eine elegant geschnittene Jogginghose) im Wissen, dass dieses System nur den kalten Machiavelli-Persönlichkeiten eine laute, wie präsente Stimme verleiht. Ein Promisohn mit provozierten Skandalen, die Ablenkung von den Hieronymus-Bosch-artigen Szenerien an den Staatsgrenzen im nahen Osten oder den neuen Formen von Kapitaldikatur in Afrika. Das Gegenstück vom gezähmten Rebellen der neuen Moral-Generation, wie sie uns in Hollywood Filmen präsentiert werden. Er echauffiert sich über die archetypischen, „echten Männer“ mit ihrer präpotenten Spornosexualität, denn sein Ideal von Männlichkeit ist mehr mit anarchistischer Macht verbunden, als mit einem Sixpack. Er ist der Typus, den man auf Werbegalas trifft und der dabei Marketing für sich selbst betreibt, während er mit Longdrinks in der Hand ständig seine Umgebung seziert und neue Projekte pitcht. Die Frage ist nun, ob er mehr mit Caligula oder mit Augustus zu vergleichen ist. Ist das Erfinden und Abfüllen von Bedürfnissen eine Friedenssicherung, zumindest in der westlichen Welt oder lässt es das System implodieren? Wenn die Römer sich in der Weltgeschichte verewigt haben, dann mit der Erfindung des Brot und Spiele-Prinzips und dem Fakt, dass jede große Macht gestürzt wird. Soviel ist sicher, auch eine Revolution 2.0 im 21 Jh. wird ihre Kinder fressen, besonders, wenn diese hauptsächlich ein Aufstand der Bedürfnisse und der Empörung ist. Aber man darf „den Klugen, Smarten“ nicht das Feld überlassen.

 

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