Maskenspiele

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Irgendwann bröselt die Maske ab, und alle Bemühungen, den Status Quo zu erhalten, schießen ins Leere. Aus Chefetagen werden Zentren der Verzweiflung, und der Kater der Droge Macht setzt ein.

Wie geht man mit dem Schicksal der Bedeutungslosigkeit um, wenn man auf einmal feststellt, dass das Wollknäuel der Macht nur fadenscheinig und Ariadnes Zwirn durchgeschnitten ist? Scham macht sich breit, wieso war man nicht klüger, wieso hat man dem System vertraut und vor allem warum gibt es keine mentalen oder materiellen Rücklagen? Die Person, die geschlagen wird, ist nicht wegen des Schmerzes, sondern wegen der Zulassung der Tat gedemütigt.

Sparta1-800

Im Spiegel der Atriden

Im Stück „Carambolage oder Der schwarze Punkt“ ist zu betrachten, wie die Selbstverblendung der Figuren immer mehr nachlässt. Sie erkennen sich selbst: Dornstrauch pflegt die romantischen Vorstellung einer modernen Klytaimnestra, wartend auf den spektakulären Tod, ermüdet von der eigenen Schreckensherrschaft und darf nun feststellen, dass es in der eigenen Lebenstragödie einen noch lebenden Agamemnon, aber keinen Orest gibt. Nur Atreus und Thyestes, zwei sich verachtende, zerfleischende (Zieh-)Söhne: der eine mit einer pathetischen und flammenden Mentalität des 19 Jahrhunderts, der andere ein kalter Fisch, der seine mangelnde Empathie als Waffe versteht, ein „Wolf of Kärnterstraße“. Beide sind in ihren Ideologien so verdreht, dass sie im Moment des Friedens doch nur erwarten, dass das Versöhnungsmahl blutig enden wird. Eventuell wäre eine Koalition zwischen den beiden fortschrittlich, vielleicht ist auch die Vorstellung des Kompromisses naiv. Wäre das eine sich selbst blockierende „Große Koalition“ oder ein Opposition der Vernunft? Die Quintessenz sollte ein Auflösen der harten Fronten sein, die sich danach sehnen, aufeinander zu klatschen und zu rufen: Der Andere hat angefangen. Diese Schlachtfeldmentalität will sich nur bluten sehen, anstatt wirklich nach Lösungsansätzen einer gesellschaftlichen Problematik zu suchen.

How to perform your Emotion

Enrique beherrscht das Maskenspiel perfekt, er überspitzt sein Klischee ständig, mischt ironische Kommentare mit ernsten Kommentaren, um bloß nicht festgenagelt, nein viel mehr noch um immer frei in seiner Reaktion sein zu können. Vor allem fühlt er sich so immer überlegen, nur wenn das Spiel der Meinungen und Erwartungen vom Puren blockiert wird, kann man etwas tiefer in seinen Seelen-Abgrund anschauen. Die Angst vor dem Emotionalen bläht den Zwang nach Überlegenheit mehr und mehr auf. Das biegsame Leben scheint doch noch anstrengender zu sein, als dem Sturm der Gesellschaft standhaft gegenüber zu stehen.

Brands erste Selbsterkennung findet vor Stückbeginn statt. Er schreibt einen Artikel über den „Gossenprinz“ Enrique, im Wissen um berufliche Konsequenzen. Er lässt sich von dem System selbst auskotzen, um sich mit dem Eau de Toilette des Märtyrers schmücken zu können. In diesem „Todestrieb“ steht er in direkter Beziehung zu Dornstrauch, die von seinem Eifer doch sichtlich beeindruckt scheint. Doch er wird im Verlauf der Handlung noch tiefer in sein dunkles Tal reiten, denn seine edlen Beweggründe sind nicht die einzigen, die ihn zu dem Empörungs-Pamphlet motiviert haben. „Du und ich, gründlich frei von der Illusion, das Private, Isolierte könnte leisten, was im öffentlichen Wesen mißlang; gewiß nicht in einer Epoche, welche die Privatsphäre zu liquidieren sich anschickt,” schrieb Adorno 1965 in einem offenen Brief an Horkheimer zu seinem 70 Geburtstag, als dieser sich bereits in das Gegenteil seiner jungen, marxistischen Ideale verwandelt hatte und das Attribut eines konservativer Moralapostels mehr als verdiente.

Brand und Enrique, der Heiße und der Kalte, Kraftintelligenz vs. Kopfmaschine, begehren interessanter Weise immer das Gleiche, obwohl es ihnen unmöglich ist, dies zu artikulieren. Sie versuchen, das Private immer auf Abstand zu halten, ohne zu merken, dass sie sich einem Sog der Distanz ergeben.

Einer von beiden wird am Ende sagen: „Die Freiheit ist dem Menschen zumutbar.“ Auf diese Ingeborg-Bachmann-Paraphrasierung kann man in Österreich eigentlich nur mit einem Hofmannsthal-Zitat antworten:

„Und man ist dazu da, daß mans ertragt.
Und in dem »Wie« da liegt der ganze Unterschied.“

 

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