Im Auge des Sturms

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Neuer Engel

Der Angelus Novus von Paul Klee scheint im Auge des Sturmes zu stehen. Er ist in dem Moment der Flügelausbreitung festgehalten, die Sekunde der Flucht, des Schutzes und des klugen Aufbegehrens. Er symbolisiert die Paradoxie des Wortes „Widerstand“ gerade zu perfekt: Zwischen dem Ruhen des Steines – dem Rauschen um sich herum widerstehend –  und der aktiven Tat als Echo des Wunsches nach Veränderung. Der Angelus Novus hat trotz seines fragilen Zustandes als Material und Bild bald 100 Jahre überlebt und ist tief mit dem Denken Walter Benjamins verbunden. Er scheint in das Bild hineingeboren zu sein, selbstbewusst und doch vorsichtig, geradezu respektvoll in seinem Rahmen.

 Angelus-novus
Paul Klee – Angelus Novus, 1920.

„Du tust mir in der Seele weh.“

Auch die Figur „Engel“ bildet eine Einheit mit dem Raum des Theaters Hamakom, in gewisser Weise opulent, eine dreckige Reinheit, anstelle von klinischem Weiß, eine Zeitlosigkeit, die ihre Spuren hinterlassen hat an der Gewalt, aber dennoch abzuperlen scheint. Engel lebt und denkt abstrakt, entfernt vom Realpolitischen, sie widersteht physischen Attacken, der Zeit, der Natur und fast immer dem Menschen. Sie fühlt, dass die Menschheit immer weiter auf den großen Crash zu driftet – und damit ist nicht nur der Zusammenbruch des Finanzmarktes oder eventuell des Kapitalismus, sondern das Brechen des Inneren, des Emotionalen des „Menschlichen“ gemeint.

Aber auch Engel scheint aus ihren Wolken zu fallen in einer Art Selbststurz, sie erliegt dem humanen Begehren nach dem Unbegreiflichen, der faustische Erotik des (Be-)Greifens nach dem Ungewussten und Unbekannten. Und dieses masochistische Mysterium tut ihr in der Seele weh, der Körper wird taub gegen Schmerz wenn das Innere sich zerreißt. Engels Zerbrechlichkeit wird neu ausgelotet und verhandelt, am Ende hilft nur noch Musik.

Widerstand statt Ressentiment

Von einem Sieg der Weiblichkeit ist weder in Carambolage, noch in der realen Umwelt etwas zu spüren, und eine Kassandra-Assoziation drängt sich auf. Das Wissen um den eigenen Tod und die Unvermeidbarkeit dessen, gepaart mit dem Fluch der scheinbaren Unglaubwürdigkeit der Mahnerin.

Stattdessen braucht es anscheinend einen Schlagersänger, der sich weigert, von großen Töchtern in der Nationalhymne zu singen, damit Österreich auffällt, dass es wohl in dieser Hinsicht Nachhol- und Aufklärungsbedarf hat. Das Feminismus-Bashing ist ohnehin ein Syndrom der dekonstruierten Postmoderne, in der die Menschen versuchen, sich an etwas festzuhalten und solche Schwachsinnigkeiten wie Identität, Nationalstolz und gesellschaftliche Ordnung auf der Brust tragen. Wieso über etwas schreiben, wenn es doch schon alle wissen? Alice Schwarzer hat den Feminismus freilich nicht gepachtet, es gibt mittlerweile so viele Feminismen, dass man den Baum vor lauter Wald nicht mehr sieht.

Dabei fällt es mir persönlich schwer, auch nur ein gutes Gegenargument zur Gleichstellung von Mann, Frau und Transgender zu finden. Da gibt es eigentlich keine Debatte, es ist indirekt im Grundrecht eingeschrieben, und bei Quoten geht es um das Aufbrechen von Strukturen, bis eines schönen, leider noch etwas weit entfernten, Tages, diese Regulierung nicht mehr nötig ist. Also bitte, bitte liebes und goldiges Österreich: Widerstehe dem Ressentiment, denn die Verbindung von Wut und Verständnislosigkeit hat noch jedem geschadet.

Vorzimmer der Engelschaft”

Im Gegenzug könnte man fragen, warum der Mensch nicht etwas mehr vom Angelus Novus haben könnte. Ist dieser Widerstands-Moment der Verbindung von Körper und Geist etwas Sphärisches oder Un-Menschliches? Die innere Spannung, der Engel ausgesetzt ist, scheint auch im Menschen zu existieren. Eventuell sind wir gar nicht so weit weg von dieser engelhaften Bewegung, denn soviel ist sicher: wir befinden uns im Auge des Sturmes und sehen zu, wie alles um uns herum zerreißt und zerrissen wird.

 

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