„Männer, die noch eine Meinung hatten.“

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You mean, let me understand this … cuz I … maybe its me, maybe I’m a little fucked up maybe. I’m funny how? I mean funny, like I’m a clown? I amuse you? I make you laugh? I’m here to fuckin’ amuse you? Whattya you mean funny? Funny how? How am I funny?

Ein eleganter Gorilla

Bloß in schwarzem Unterhemd, Anzugshose und Goldkette steht Don Gian bei seinem ersten Aufritt in Carambolage da, wie ein eleganter Gorilla, ein Wiener Joe Pesci. Er steht für das Patriachat, physische Präsenz, die bewusste Entscheidung Spielregeln zu brechen und eigene aufzubauen. Kein Zweifel, er ist einer vom alten Schlag, der sich irgendwie hochgearbeitet hat, obwohl er sicher aus nicht einmal als allzu schlechten Verhältnissen stammt. Eine Generation, welche die Welt hat wachsen und stürzen sehen. In die Gangsterfilme von Martin Scorsese hätte er perfekt hineingepasst mit seiner Potenz und seiner warmen Emotionstemperatur, observierend aber dennoch mit kurzer Zündschnur.

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(Joe Pesci in Goodfellas, Regie: Martin Scorsese, 1990)

Zu viele Triptychen

Ein verzerrter Spiegel der Klischees über den Gangsterboss aus Hollywood, sogar der Name scheint irgendwie unecht und erfunden, seine Worte fühlen sich aber erschreckend echt an. Ein Mensch, der nicht gern redet, auch wenn er sprachlich gewandt zu sein scheint, in jeder Pause ist es zu spüren, dass er eine andere Linguistik bevorzugt, weil sie seinem Selbstbild besser entspricht: der Macho, der Puffdaddy, der Gentleman mit der zur Faust geballten Rechten und der sich bekreuzigenden Linken. Einer der Gewohnheitskatholiken, die sich die Heiligkeit drehen wie sie wollen und somit gerade in der Mischung aus Gewalt und Glauben noch einmal furchteinflößender sind. Seine spezielle Angst vor dem Tod rührt nicht nur von der Fetischisierung des Jetzt, sondern vom Ungewissen, das dem Ableben innewohnt: Er war zu oft sonntags in der Kirche und so viele Triptychen des Todes können an einem nicht spurlos vorbei ziehen.

Er ist verliebt in das Diesseits, kein Wunder, Männer wie er haben die Postmoderne erst möglich gemacht, in ihrem Hedonismus und ihren Testosteron-bedingten Grenzen, die es herausfordern, aufgelöst zu werden. Don Gian hat seinen Robert Pfaller zumindest quergelesen und nutzt diese Steilvorlage des Rechtes auf Luxus (und des Stärkeren) um sich in Selbstsicherheit zu wiegen. Man kann auch an einen bösen Zwillingsbruder von Hilmar Kopper, dem ehemaligen Chef der Deutschen Bank denken oder an schmierige Gestalten aus Frank Millers Pulpcomic Sin City, dessen zweite Verfilmung gerade im Kino angelaufen ist.

Hedonismus der „alten“ Männer 

Was ihn aber geradezu positiv auszeichnet, ist seine Direktheit, man könnte das Wort Ehrlichkeit sogar in seinem Kontext verwenden. Der Mann ist gradlinig, im Film Noir hätte er eventuell einen Protagonisten gespielt, einen dunklen Theseus, der sich durch die Lügen der Großstadt kämpft.

Vermutlich hat er dabei, seine Amazone, Dornstrauch, gefunden, die in ihrer abgebundenen Weiblichkeit sehr an Hippolyte, eine Tochter des Ares erinnern mag. Nun spiegelt sich sein Alter, das er weggesperrt hat (verblendet durch ihm zudienende Umgebung) in Dornstrauch, für die das Altern eine Tugend ist. „Ich scheiß mich an vorm Sterben“, zischt er Madame in ihrer ersten Begegnung seit Jahren zu. Der Moment, der Genuss, der Geschmack von Geld ist unsterblich, aber Mutationen unterworfen. Die Biegsamen sind heute auf der Spur dieses frenetischen Hedonismus der „alten“ Männer, um aus ihm noch mehr Kapital schlagen zu können, als ihre Väter. Das Frivole soll in aller Fülle gelebt werden, aber nur mehr mit sauberer Weste. Der Typus Enrique versucht sich an der Verbesserung dieses männlichen Ideals mit Wohlstands-Plauze gepaart mit 34 cm Bizepsumfang.

„I wear my Sunglasses at Night.“ 

Nun ist Carambolage weder Film Noir noch griechische Tragödie, – trotz der Parallelen. Es ist im ewigen Diesseits verankert und Don Gians brutaler Schlund hat letztlich nichts Mythisches, sondern etwas Reales. Diese Unterwelt oder Zwischenwelt, sie ist nicht abstrakt, man kann sie sehen, auf Autos gedruckt, die Werbung für Vergnügungs-Establishments machen und im 1. Bezirk stehen. Hedonismus als Methode, als Geheimrezept zum Erfolg. Aber seine Maßlosigkeit funktioniert seit Jahrhunderten und zeugt sich unablässig neu fort, in Formen der Erziehung sowie der medialen Heroisierung von Männlichkeit, etwa in Werbung und Kino. Diesen Knoten der Männlichkeit zu lösen hat der Hype der Metrosexualität leider nicht geschafft, viel mehr ist das Gegenteil eingetreten – der archaische Mann als Ideal, der, wenn er nur an sich glaubt, nach wie vor alles bekommen kann. Das Mittel der Anpassung (Trainieren und Augenbrauenzupfen) verfeinert und füttert diese Allmachtfantasie nur, anstatt sie aufzulösen.

Eventuell trägt Don Gian deshalb auch stets eine Sonnenbrille, um nicht einmal den Anschein zu erwecken, den Durchblick zu haben, dessen ungeachtet jedoch das verbriefte Recht des „Alphatieres“ auf Meinung und Haltung.

 

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