„Viel zu Gelaber, viel zu viel gesagt.“

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Der letzte Zwischenstoß – hier wurde viel angerissen, gespoilert, abstrakt gesponnen, das Weltgeschehen konzeptualisiert, Charaktere ergründet, gedacht, verworfen, verknüpft, – ausprobiert in Gedanken und Worten. Während man auf der Probe sehr handfest und körperlich um Lösungen, zu den Problemen rang, welche das Stück aufwirft, wurde hier versucht, geistig zu jonglieren, beides in der Hoffnung auf geneigte Spielbeteiligung bei Zuschauer_Innen und Leser_Innen.

Viel ist auch in der Welt passiert, der Friedensnobelpreisträger Barak Obama wurde erst zum Kriegstreiber erklärt, um kurz darauf wieder den Status des benötigten Hegemons genießen zu können. Der Jemen ist kurz davor zu kippen, der Nahost-Konflikt hat sich natürlich nicht beruhigt und ändert täglich seinen Aggregatzustand, nur in Österreich stand die Welt irgendwie still, wenn man mal von Kellereskapaden absieht. Die Welt und nicht wir ist aus den Fugen und so weiter, aber schleichend, zwischen den Zeilen, ist es auch hier zu spüren.

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Francisco de Goya – Saturn, einen seiner Söhne verschlingend, 1820-1823

Trendy Tradition

Was passiert also mit der Ummünzung der Werte einer westlichen Gesellschaft in der globalisierten Welt, in der alle Schranken aufgehoben werden? Ist Ummünzung überhaupt das richtige Wort, denn die „Werte“ sind ja noch präsent und das liegt nicht nur daran, dass ein Großteil der Bevölkerung eben älter ist, sondern auch in jüngeren Generationen gibt es diese Begriffe noch, – sie verlieren allerdings zunehmend an Präzision. Man könnte natürlich auf die Verrohung der Sprache eindreschen, doch vergisst man dabei, dass Slang, Verkürzung und Neologismen Sprache an anderer Stelle weiterformen; Sprache steht nie still und windet sich immer um sich selbst. Aber schade und zeitintensiv ist es schon, wenn ständig über Definitionen von Begriffen diskutiert werden muss, so dass man für das eigentliche Streitgespräch bereits zu müde ist.

„Werte“ sind also durchaus vorhanden, aber sie werden idealisiert und gehen somit in die Breite. Wörter wie Wahrheit und Lüge oder Moral, sind eventuell wirklich altertümlich, warum ein Update davon machen?

Die Schwierigkeit einer „Umwertung der Werte“ liegt nicht im Prozess an sich sondern in ihrer Praxis, weil unsere Umwelt nur noch mit Codes zusammengepuzzelt wird, die je nach Bedarf benutzt und verbraucht werden können. (Selbst-)Ironie ist keine beißende Kraft mehr, sie gehört zum Repertoire der Massenkultur: zahnlos und ungefährlich, geradezu apolitisch. Es folgt eine Trendy Tradtion, ein hinterhertrauern eine Vergangenheit, in der ja angeblich nicht alles schlecht war.

Theater als Denkverfahren

Geschichte in ihrer historischen Komponente ist das beste Lernmaterial um zeitgenössische Prozesse zu verstehen bzw. diese überhaupt zu erkennen. Der kritische Blick auf die Vergangenheit, sowie das Hinterfragen, wer diese geschrieben hat, gepaart mit dem Bewusstsein für die Kontingenz der Zukunft sind die besten Mittel gegen ihre Mystifizierung, –  die Zerdehnung des postmodernen Moments hingegen ist es hoch wahrscheinlich NICHT;. Die Gespräche von Alexander Kluge, besonders seine Interviews mit Heiner Müller oder Christoph Schlingensief, demonstrieren die intellektuelle Produktivät eines solchen Denkverfahrens in ihrer Tiefe und Schönheit. Daher ist das Theater als Ort und Medium auch so bedeutsam, weil es diese drei Ebenen nicht nur zeitlich miteinander verbindet, sondern unter der Haut spürbar macht.

Der Schwarze Punkt

Auch Carambolage mit den Zügen des Königsdramas wirkt wie eine dunkle Fabel und beschäftigt sich mit der Reflexion über Gesellschaft, Vergangenheit und seinem Medium selbst, ohne dabei maßlos selbstreferentiell zu sein.

Jeder Charakter hat sein Sitzplatz-Abo im Apparat und ist verschweißt mit seiner Ideologie. „I prefer not to“ prallt auf moralische Wut, ethischer Hygiene-Zwang auf dreckigen Hedonismus, eine Diskussion hängt sich immer an den Egomanien der Figuren auf, es gibt keinen Kompromiss sondern nur noch einen großen Machtkampf in dem jeder (etwas) verliert. Der schwarze Punkt ist längst überschritten, der Knall schon längst ertönt, – nur keiner hat hingehört, der Seelenlärm dröhnte lauter und spannender. Die Revolution frisst am Ende immer  ihre Eltern. Zerstören ist das neue Aufbauen, Kritik etwas für Spießer. Die Welt verlangt nach Menschen (Männern?) die jede Meinung teilen können, die strahlen, blenden und sich ihr geordnetes Chaos kuratieren. Ihr wichtigstes Instrument – die Werte! –  ob sich das die Global Player eingestehen oder nicht. Die Moral hängt immer noch damoklesschwertartig über ihren Köpfen, ihr Ekzess ist nur der Versuch, dies zu verdrängen.

Was tun? Teil 2.

Das ewige „Ja“, des meinungs-nivellierenden Kapitalismus muss blockiert werden, auch wenn es Kraft kosten wird. Es reicht nicht, im Elfenbeinturm immer wieder mit den selben Meinungen und Menschen über Details zu lamentieren. Es reicht nicht, Antisemitismus nur historisch zu verorten oder die Argumentation der Rechten zu dekonstruieren, wenn der Radius gleich bleibt und sich nicht vergrößert, weil man vom Kleinbürger abwärts es nicht mehr nötig hat, sich zu erklären. Wozu sonst hat man studiert? Die Arroganz, in die jeder verfällt, ob es gefallen mag oder nicht, ist unsere Achillesferse und Ambrosia für jene, die jede Meinung teilen können. Wir müssen sie überholen wie der Igel den Hasen, mit mehr Diskussion, mehr Aufschrei, mehr Aktion und mehr Reflexion – kurz: mit mehr Dissens und mehr Haltung eines heterogenen Kollektivs, welches aufhört  ausschließlich an sich zu denken sondern Verantwortung für die Gesellschaft übernimmt. Nur dann besteht die Chance, dass wirklich an alle gedacht wird. Und um ehrlich zu sein, trotz Rechtsruck, Frauenfeindlichkeit, radikalem Neoliberalismus und stumpfer Ideologie der Phrasendrescher – man kann die Funken der Veränderung manchmal erspähen.

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