Unmoralische Denkangebote

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Moral ist der weiße Turnschuh unserer Zeit

Sie wird so billig hergestellt wie ein Nike-Sneaker und genauso teuer, wie limitiert verkauft. Und es beweist, dass man einen „Trend“ nur so lange aushalten muss, bis er wieder in Mode kommt. Es ist 135 Jahre her, dass Hendrik Ibsen in seinem Stück Nora oder ein Puppenheim die Moral als Lebenslüge überführt hat, und nun stehen „sie“, impulsiver denn je mit erhobenem Zeigefinger auf Bananenkisten und predigen.

tl-horizontal_main_2xSzene aus Forrest Gump, Regie: Robert Zemeckis, 1994

„Sie“ sind rechte Demagogen wie Thilo Sarrazin, Verschwörungstheoretiker_innen, die das Wort Demokratie viel zu häufig in den Mund nehmen wie Ken Ibsen, Grüne Politiker_innen, die ihre Strickjacken für teure Anzüge getauscht haben, ÖVPler_innen und die nicht mehr von ihnen zu unterscheidenden Sozialdemokraten_innen, die täglich mit der Toleranz demgegenüber, was sie nicht kennen hadern oder Entschleunigungs-Fanatiker_innen, ähnlich wie Roland Düringer, die nicht erkennen, dass sie damit neue Formen von Luxus sowie Exklusivität konstruieren und die reaktionäre Sehnsuchtsbefriedigung nach einer archaischen und unkomplizierten Welt bedienen. Keiner von diesen Grüppchen traut den Menschen zu, eigenverantwortlich zu handeln oder zu denken, auch wenn sie dies ständig propagieren. Stattdessen werden die Menschen in eine weiche Welt geworfen, in der jeder nur Selbstständigkeit performen muss, um vom System nicht ausgespuckt oder zumindest nicht schräg angeguckt zu werden. Die Masse wird immer zwischen den verschiedenen Polen hin-und-her geschoben, um sich selbst in Schach zu halten. Aus Hayek und Friedmans Welterklärungen, der Markt sei das einzig Natürliche, ist mehr als eine Religion, wie sie in den 90igern praktiziert wurde, entstanden. Sie sind das Paradigma für den unreflektierten Nihilismus der nachfolgenden Generationen. Die Aufschreie gegenüber einem Autoritätsruck in Markt und Staat werden paradoxer Weise immer lauter, obwohl es nie so etwas wie eine demokratische Demokratie gab, was nicht heißt, dass dies zu tolerieren ist. Doch so wird ein verklärtes Bild einer demokratischen Vergangenheit propagiert, dem ebenso wenig zu trauen ist. „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, wie es Teddy Wiesengrund Adorno mal so schön formuliert hat. Im Grunde leben wir nicht in einer Postdemokratie, sondern in einer Prädemokratie, in der täglich aufs Neue versucht wird, diesen Zustand beizubehalten, in dem nur moralisch auf die Vergangenheit gezeigt wird, anstatt Zukunftsmodelle, abseits vom plump-radikaler Basisdemokratie, zu erforschen.

Das Schwenken der Moralkeule

Moral ist die Ligth&Leit-Version der guten Hirten, egal aus welchem politischen Lager sie kommen. Wenn militärisch interveniert wird, weil man einen „Völkermord“ aufhalten muss und dabei die Begrifflichkeiten so propagandistisch wie unscharf verwendet, dann bietet sich der Wertmaßstabs-Hammer natürlich an. Die USA haben sich im Irak erst wieder starkgemacht, als es um ihre überlebenswichtigen Öl-Gebiete ging, und schon stehen Wörter wie „apokalyptisch“ im Raum oder es wird darauf hingewiesen, dass die IS eine große Gefahr für die amerikanische Bevölkerung darstellt. Der letzte Good-War liegt bald 100 Jahre zurück, und das 09/11-Trauma ist nach wie vor die alles überwiegende ikonographische Zäsur. Dieser Moment der Schwäche gehört offenbar ausgemerzt und es wird eine neue, aber flexiblere Golden Generation durch Konsum und Moral herangezogen.

Während sich die deutsche Politik parallel dazu entschließt, auf einmal doch Waffen zu liefern, obwohl sogar „Experten_innen“, die sich die Lage vor Ort angeschaut haben, bestätigen, dass es den Kurdischen Truppen eindeutig nicht daran mangelt und ganz im Gegenteil die Bevölkerung nicht mit einer blinden Panik reagiert, sondern fast routiniert, weil man an Verfolgung (leider) gewöhnt ist. Unverständlich für uns, in unserer Umgebung kann ja nicht mal eine Moschee gebaut werden, ohne dass vom „Größenwahn des Mohammedaners“ und die Gefahren der schleichenden Islamisierung laut getuschelt wird. Aber nein, es ist die Aufgabe des Westens, der sich gerne mal aussucht, ob er die Moralkeule schwenkt, wo sonst die Flagge des Pazifismus auf Halbmast wehen würde. Sehr traurig, wenn man z.B. mal an Ruanda denkt. Die Angst muss aufrechterhalten werden, aber sie muss kontrollierbar sein. Es ist wie ein Hitchcock-Film: die Vorstellungskraft erzeugt mehr Schrecken als das Bild des Gewaltaktes. Die Schreckensbilder bekommt man ja im Kino der Hochglanzversion, damit die Schaulust des Westens befriedigt wird.

Die Moralprediger_innen behaupten gerne, dass man der Bevölkerung nicht alles zumuten dürfe und sie haben recht, wenn es um Enthauptungen von „Diktatoren“ geht. Aber wie soll die IS entmystifiziert werden, wenn ihre Ikonographie nicht in einen anderen, nüchternen Kontext eingebettet wird?

Suche nach Diskurs und Dissens

Diese koketten Aussagen sind nur mehr eine Rechtfertigungen für bestimmte Handlungen, und diese sind mit teurer Sophisterei geschmückt, anstatt rational zu erklären. Die letzten Tage in denen Politik-Machen eine Berufung und kein Beruf waren sind vorbei. Es gibt diese Normierung, die gleichzeitig für eine Austrocknung des Politischen, so wie es Jacques Rancière definiert hat, sorgt und sich selbst in anpanzernder, aber exklusiver Position hält. Der angestrebte Konsens, laut Rancière auch die Reduktion der Politik auf die Polizei (also auf die repressiven, organisierenden Tätigkeiten des Staatsapparates), liefert perfekte Steilvorlagen für „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ und eben diesen prominenten, moralischen Zeigefinger, auf dessen Reizwörter nur noch reagiert wird anstatt den Inhalt zu untersuchen und einen heterogenen Dissens zu erarbeiten.

Ein Sehnen einer Vergangenheit, die nicht historisch betrachtet, sondern historisiert, wird immer lauter. Um ehrlich zu sein habe ich mehr Angst vor Trachtenmode im Instragramfilter, Botho Strauß-artige Idealisierung des einsamen Landlebens  und Blut-und-Boden-Pop mit Leni Riefenstahl-Ästhetik , als vor alten Dinosauriern, die nur noch versuchen ihre Macht zu erhalten. Traditionell, clever und smart könnten die neuen Adjektive der ziemlich nahen Zukunft werden, in der alle alles dürfen, aber nur wenn sie es ein bisschen selbstironisch meinen und sich dadurch im selben Atemzug entschuldigen.

Diese Selbstironie, das ist ja keine neue Nachricht, ist im Theater momentan so spürbar wie noch nie. Zwischen Beweihräucherung der alternativen Ader und Alibi-Empörung für die Schickeria positioniert sich ein neuer Pathos des Spektakulären, der natürlich sich selbst nicht zu ernst nimmt und vom geschulten Auge erkannt wird, sein Publikum aber zwischen den Zeilen mit Werten, Traditionen und Bürgerlichkeit versorgt.

Das Ass im Ärmel

Die Gesellschaft ist vermutlich liberaler als die Politik oder das Theater oder die Medien glauben wollen bzw. zugeben können, aber sie verharrt in der pompösen Vorstellung von Liberalität, in der das Symbol von Offenheit mehr bedeutet als das Signifikat, wie man an den Geschehnissen um Conchita Wurst oder Pussy Riot beobachten kann. Diese gebetsmühlenartige Wiederholung von Moral verhärtet diesen Zustand, indem so etwas wie das Menschenrecht zu einem Ass im Ärmel der Mächtigen wird, anstatt zur Wurzel des Handelns. Sie beruhigt das eigene Gewissen, lässt die eigene Schuld verdrängen und passt somit perfekt in diese post-moderne Zeit, in der alles nur um Verdeckung und Momentvergoldung geht.

Über Grundprinzipien muss man meiner Meinung nach nicht diskutieren und man muss ihnen nicht diesen verstaubten Begriff der Moral geben, damit sie in die Welt der Retroschuhe und Lederhosen passen, egal wie viel Angst man vor der neoliberal verseuchten Zukunft hat. Wichtiger als das Nörgeln, wie scheiße und geil der Moment ist, wäre der Versuch, diese perfiden Mischung aus Tradition und Zeitgeist ihrer Mittel zu berauben, um wirklich am Projekt Demokratie arbeiten zu können.

 

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