„Viel zu Gelaber, viel zu viel gesagt.“

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Was passiert also mit der Ummünzung der Werte einer westlichen Gesellschaft in der globalisierten Welt, in der alle Schranken aufgehoben werden? Ist Ummünzung überhaupt das richtige Wort, denn die „Werte“ sind ja noch präsent und das liegt nicht nur daran dass ein Großteil der Bevölkerung eben älter ist, sondern auch in jüngeren Generationen gibt es diese Begriffe noch, aber sie sind nicht mehr präzisiert. Man könnte natürlich auf die Verrohung der Sprache eindreschen, doch vergisst man dabei, dass Slang, Verkürzung und Neologismen Sprache an anderer Stelle weiterformen; Sprache steht nie still und windet sich immer um sich selbst. Aber schade und zeitintensiv ist es schon, wenn ständig über Definitionen von Begriffen diskutiert werden muss, um für das eigentliche Streitgespräch bereits zu müde zu sein.

„Männer, die noch eine Meinung hatten.“

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Bloß in schwarzem Unterhemd, Anzugshose und Goldkette steht Don Gian bei seinem ersten Aufritt in Carambolage da, wie ein eleganter Gorilla, ein Wiener Joe Pesci. Er steht für das Patriachat, physische Präsenz, die bewusste Entscheidung Spielregeln zu brechen und eigene Aufzubauen. Kein Zweifel, er ist einer vom alten Schlag, der sich irgendwie hochgearbeitet hat, obwohl er sicher aus nicht schlechten Verhältnissen stammt. Eine Generation die, die Welt hat wachsen und stürzen sehen. In den Gangsterfilmen von Martin Scorsese hätte er perfekt hereingepasst mit seiner Potenz und seiner warmen Emotionstemperatur, observierend aber dennoch mit kurzer Zündschnur. …

Im Auge des Sturms

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Der Angelus Novus von Paul Klee scheint im Auge des Sturmes zu stehen. Er ist in dem Moment der Flügelausbreitung festgehalten, die Sekunde der Flucht, des Schutzes und des klugen Aufbegehrens. Er symbolisiert die Paradoxie des Wortes „Widerstand“ gerade zu perfekt: Zwischen dem Ruhen des Steines – dem Rauschen um sich herum widerstehend – und der aktiven Tat als Echo des Wunsches nach Veränderung. Der Angelus Novus hat trotz seines fragilen Zustandes als Material und Bild bald 100 Jahre überlebt und ist tief mit dem Denken Walter Benjamins verbunden. Er scheint in das Bild hineingeboren zu sein, selbstbewusst und doch vorsichtig, geradezu respektvoll in seinem Rahmen. …

Maskenspiele

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Irgendwann bröselt die Maske ab und alle Bemühungen, den Status Quo zu erhalten, schießen ins Leere. Aus Chefetagen werden Zentren der Verzweiflung, und der Kater der Droge Macht setzt ein.

Wie geht man mit dem Schicksal der Bedeutungslosigkeit um, wenn man auf einmal feststellt, dass das Wollknäuel der Macht nur fadenscheinig und Ariadnes Zwirn durchgeschnitten ist? Scharm macht sich breit, wieso war man nicht klüger, wieso hat man dem System vertraut und vor allem warum gibt es keine mentalen oder materiellen Rücklagen? Die Person, die geschlagen wird, ist nicht wegen dem Schmerz, sondern der Zulassung der Tat gedemütigt. …

Die neue, weiche Existenz

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Dornstrauch: „Ich befriedige nur ein Bedürfnis, das es gibt“
Don Gian: „Ich auch.“
Enrique: „Und ich ein Neues.“

Diese drei Sätze aus Carambolage haben mich seit dem ersten Lesen des Stückes immer wieder beschäftigt. Im Kontext der Handlung könnte man sie mit Gewissen, Rausch und Individualismus assoziieren. Oder man übersetzt sie mit Siegmund Freud: Dornstrauch als das Über-Ich, die Moral; Don Jon, als das Es, der animalische Trieb und Enrique als Prototyp des postliberalen Ich. In dieser Dreiecksbeziehung steht auch die Westliche Gesellschaft in ihren rechten, linken und individualistischen Prägungen und den inzwischen ausgiebig breitgetreten Attitüden wie Verantwortung, Recht und Anpassung durch Absetzung. „Und dem durch das eigenen Wohl bestimmte Ideal der Stadt, im Sinne von polis, setzt man die traurige Realität der modernen Demokratie entgegen, als Herrschaft der Massen und der Bedürfnisse“, schreibt Jacques Rancière in der ersten seiner 10 Thesen zur Politik.

Unmoralische Denkangebote

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Moral ist der weiße Turnschuh unserer Zeit. Sie wird so billig hergestellt wie ein Nike-Sneaker und genauso teuer wie limitiert verkauft. Und es beweist, dass man einen „Trend“ nur so lange aushalten muss, bis er wieder in Mode kommt. Es ist 135 Jahre her, dass Hendrik Ibsen in seinem Stück Nora oder ein Puppenheim, die Moral als Lebenslüge überführt hat, und nun stehen „sie“, impulsiver denn je mit erhobenem Zeigefinger auf Bananenkisten und predigen. …

Das Recht der Stärkeren

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Es war wohl die schönste Nachricht der Woche – Zum ersten Mal hat eine Frau die Fields-Medaille, also die höchste Mathematik-Auszeichnung, verliehen bekommen, und das zweitschönste dabei ist, Maryam Mirzakhani kommt nicht aus Europa oder den USA, sondern aus dem Iran. Doch erfolgreiche Frauen sind sehr oft unsichtbar, im Gegensatz zur antifeministischen Bewegung, welche leider nicht mehr nur von alten, lüsternen Herren, wie Rainer Brüderle propagiert wird, sondern auch Zuspruch von jungen Frauen, die auf Grund ihres Status, ihres Umfelds oder ihres Unverständnisses einen ähnlichen Standpunkt einnehmen. Auf #aufschrei folgte #ungefickt, und wenn eine Frau eine „erfolgreiche“ Karriere haben möchte, dann soll sie halt keine Kinder bekommen oder sich nicht beschweren. „So einfach, so richtig“ schallt es aus dem Wald der rechten Liberalen.

Der erste Zwischenstoß

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Gewalt und Medien standen schon immer in einem sehr undurchsichtigen und nebulösen Verhältnis.
Vermutlich würde sich ohne die alltäglich-gezeigte Gewalt der_die Mitteleuropäer_in kaum so warm in seinem_ihrem ach so kalten Nest fühlen können. Und: In diesem schnelllebigen System, welches durch den Reizüberfluss den Infotainment-Konsumenten immunisiert, gibt es keine Konsequenzen für eine Gesellschaft und, was fast noch schlimmer ist, keine Reflexionsmöglichkeiten des Individuums. …